Einleitung
Vor zirka 27 Jahren kam ich zur Fotografie. Ein älterer Freund brachte mich darauf. Ich wollte meine ersten Versuche mit einer sowjetischen „Zenit“ machen. Die kaufte ich gebraucht mit einem Standartobjektiv und einem 300er Teleobjektiv über eine Zeitungsanzeige. Leider bekam der Verschluss sofort einen Defekt. Als ich damit in die Weimarer Fachwerkstatt ging sagte man mir, dass das Gerät nicht repariert werden könne, da es einen Aufdruck mit kyrillischen Buchstaben hatte und nicht wie gewöhnlich bei den in der DDR handelsüblichen Geräten mit deutschem Aufdruck versehen war.
Als ich später in dem Haus in dem die Werkstatt war eine Tätigkeit als KWV-Elektriker ausübte, fragte mich der Chef, ob ich seine alten Heizgeräte reparieren könnte. Darauf hin nahm er sich auch meiner „Zenit“ an und ich konnte endlich loslegen. Bis ich das Geld für eine Dunkelkammerausrüstung zusammen hatte, vergrößerte ich ab und zu bei einem Freund oder fotografierte auf Diafilm. Auf jeden Fall wurde viel Ausschuss produziert und die eine oder andere „Nachtschicht“ gefahren. Wenn die Bilder wie aus Geisterhand im Entwicklerbad entstanden, war das wie ein fesselnder Zauber für mich.
Die ausgestellten Fotografien sind meist zufällig aus Spaß an der Freude entstanden.
Damals war ich noch viel mehr am „Probieren“ als heute. Hin und wieder fotografierte ich im DNT Weimar kleine Sachen oder brachte ab und zu persönlich ein Hochglanzfoto im Format 13 mal 18 bei der Tageszeitung vorbei.
Den Titel „ORWO-NP27“ habe ich deshalb gewählt, weil diese Bezeichnung zu dem Film meiner Wahl gehörte.
Da das Material für damalige Verhältnisse als hochempfindlich galt, hatte ich die Möglichkeit auch bei ungünstigen Lichtverhältnissen noch zu fotografieren.
Die Reportagefotografie interessierte mich schon immer am meisten. Mit jedem Foto entsteht nicht nur ein Bild, sondern auch ein Zeitdokument. Kinder, die nach 20 Jahren als solche nur noch für ihre Eltern existieren. Gebäude, die abgerissen oder umgestaltet wurden, Straßenszenen in denen man die damaligen Modetrends oder die Automodelle erkennen kann oder Tätigkeiten die heute nicht mehr verrichtet werden müssen wie beispielsweise der Aufbau einer Antennenanlage für den Empfang des West-Fernsehens, das Kohle schippen für den Winter, Leinen voller frisch gewaschener Baumwollwindeln für die kleinen Scheißer und andere Dinge mehr.
Um hier nicht alles aufzählen zu müssen, empfehle ich Ihnen einen Blick in die Ausstellung zu werfen. Ich wünsche denen, die diese Zeit noch kennen, viele positive Erinnerungen beim Betrachten der Fotos und denen die noch nicht dabei waren, viele alte/ neue Entdeckungen.

Ich habe nach meinem Schulabschluss (1979) den Beruf des Elektroinstallateurs gelernt (1982) und auch noch einen Abschluss als Handwerksmeister gemacht (2000). Zwischendurch habe ich am DNT Weimar als Beleuchter gearbeitet (1987-1989) und fünf Jahre in den alten Bundesländern Häuser installiert (1990-1995). Anschließend habe ich bei einigen ABM-Stellen in Weimar gearbeitet und die Meisterschule besucht (1995- 2001). Nach einer dreijährigen Tätigkeit als Archivmitarbeiter bei der Gedenkstätte Buchenwald (2001-2004), wo ich auch alle fotografischen Arbeiten machte, holte ich mir beim Finanzamt eine Steuernummer und begann, die Fotografie zum Beruf zu machen.
Seit 2004 arbeite ich als freier Bildjournalist und Fotograf vorwiegend bei der „Thüringer Allgemeine“ und für die Gedenkstätte Buchenwald. Bisher habe ich den Schritt nicht bereut.
Die Arbeit macht mir viel Freude und bringt obendrein täglich neue Herausforderungen.


Ich hoffe, dass Ihnen meine Ausstellung einen objektiven Rückblick auf die damalige Zeit vermittelt.

Peter Hansen

Vorwort von Dr. Alf Rössner

 

Als der Weimarer Fotograf Peter Hansen eine Auswahl
seiner Fotografien dem Stadtmuseum Weimar für eine
Sonderausstellung anbot, fiel die bejahende Entscheidung
leicht. Diese Bilder müssen im Bertuchhaus gezeigt
werden, gerade im 20. Jahr der staatlichen Wiedervereinigung
Deutschlands. Die Wendezeit liegt eine
Generation zurück. Seither hat sich viel verändert. Peter
Hansen präsentiert als bodenständiger Zeitchronist in
seinen Schwarz-Weiß-Bildern aus Weimar und Umgebung,
gegen das Vergessen auf Filme des Typs „ORWO
NP27“ gebannt, ein facettenreiches Bild der späten
DDR. Zu sehen sind Anpassung, Verfall, Stagnation und
Resignation, aber auch Widerstand, Aufbruch, Dynamik,
die Unbefangenheit der Jugend und Hoffnung. Die nur
scheinbar zufällig entstandenen Aufnahmen des Alltags
erzählen dem Betrachter mit hoher Authentizität eine
eigene, hintersinnige, tragische oder humorvolle Geschichte.
Oft steht der von Peter Hansen abgelichtete
und für die „Ewigkeit“ festgehaltene detailreiche Mikrokosmos
eines Augenblicks, steht vordergründig Triviales,
für ein größeres Gesamtbild, ja für globale Zusammenhänge.
Viele der angesprochenen Themen haben
bis heute nicht ihre Brisanz und Aktualität verloren, so
die Bedrohung der Natur durch den hemmungslosen
Eingriff des Menschen, individuelle Vereinsamung in einer
herzlos-materialistischen Gesellschaft oder die Beschwerden
und Mühen des Alters. Mit der Auswahl der
Bilder soll weder Vergangenes nostalgisch verklärt noch
politisch-belehrend der Zeigefinger erhoben werden.
Der Reiz der eindrucksvollen Ablichtungen entsteht aus
dem Spannungsfeld ihres hohen Dokumentarwertes
und ihrer zeitlosen Ästhetik, die erst durch den persönlichen
Blickwinkel des Künstlers entstand. In diesem
Bilder-Plädoyer für Freiheit, Individualität und Menschlichkeit
kann sich ein jeder sinnend-vergnügliche Betrachter,
egal welchen Alters, aus Weimar stammend
oder nicht, wenn er sich nur offen auf das Abenteuer
einlässt, bestimmt wiederfinden.
Die über 20 Jahre alten Bilder der Vergangenheit helfen
uns in der Gegenwart, über die Zukunft nachzudenken.
Diese Ausstellung kann anregen, kritisch-forschend,
wachsam-neugierig und geistig-offen, mit dem Willen
zur aktiven Mitgestaltung, auf das noch unbekannte
Morgen zuzugehen.
Dr. Alf Rößner
Leiter des Stadtmuseums Weimar